Review: Feines Festival mit ganz viel Charme – Oberurseler Minnestreyt 2016

Erster Oberurseler „Minnestreyt“ kam beim Publikum sehr gut an

1. Oberurseler Minnestreyt 2016Foto: Markus Scholz - stagebilder.de

Ein gelungenes Debüt: Der erste Oberurseler „Minnestreyt“ in der Burgwiesenhalle zu Oberursel-Bommersheim am 27. Februar 2016 zog auf Anhieb eine Riesenschar Mittelalter-Rockfans aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet und weit darüber hinaus an – und hatte mit Versengold

ImpressionenBen Metzner kam aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus. Und das, obwohl seine Stammband Feuerschwanz, bei der er seit vielen Jahren überzeugend Prinz Richard Hodenherz III. verkörpert, beim Minnestreyt nur zweiter Sieger wurde. Aber um die Minnekrone aus labberigem Pappendeckel, mit der am Ende Malte „Snorre“ Hoyer, Leadsänger der Bremer Band Versengold, gekrönt wurde, ging es bei dem Mini-Festival auch nicht. Eher schon darum, den Fans von Mittelalter-Rock und -Folk einen angenehmen Abend zu bereiten: vier Bands, fast sechs Konzertstunden – und jede Menge gute Laune.

Dass die Burgwiesenhalle ungeachtet ihres klangvollen Namens nur eine Mehrzweck-Sporthalle mit eher drögem Ambiente ist, tat der Atmosphäre und der Stimmung des Minnestreyts fühlbar keinen Abbruch. Sobald die Hallentore geöffnet waren, flutete die Szene die Area. Und wer sich selber schon eine Zeitlang in der Szene herumtreibt, traf unweigerlich Bekannte und Freunde in dem schnell proppenvollen Bereich vor der Bühne.

Die StreunerDen Anfang machten Die Streuner, ein schon 1993 gegründetes Quintett aus Bonn, abonniert auf Marktmusik und Gute-Laune-Songs, was die fünf – „Pinto der Schäfer“ alias Carsten Hickstein als Sänger, „Rabe“ Miriam Petzold an der Geige, „Don Martino“ Martin Seifert an der spanischen Laute, „Matty der Angelsachse“ Rouse an der zweiten Geige und der Perkussion sowie „Romàta“ Roland Kempen an Bass und Laute – zum kongenialen Anheizer für ein Miniaturfestival zur Huldigung der postmodernen Mittelaltermusik macht. Auch in Oberursel braucht der gemischte Fünfer nicht lang, um „Gewandete“ wie Normalbesucher zum Tanzen und Springen zu bringen. Für das Erringen der Minnekrone freilich wirkt der in Oberursel servierte Stoff auf die Dauer allerdings eine Spur zu simpel, zu sehr auf Bierzelt gebürstet. Der Humorpreis gebührt den „Streunern“ gleichwohl ohne Abstriche.

FaeyDas andere Extrem verkörpert die Bamberger Gruppe Faey um die Geigerin und Sängerin Sandra Elflein, einst Frontfrau der Kultband „Faun“. Faey vertritt ein grundsätzlich intellektuelles Folkpop-Ideal mit auf den Punkt arrangierten Nummern, in denen Nyckelharpa-Virtuose Dominik Schödel, Gitarrist Jürgen Wagner, der neue Bassmann Andi Douwt und Schlagzeuger Thomas Amon fest zugewiesene Aufgaben in einem klug durchgeplanten Klang-Gesamtkonzept haben. Der Joker ist Sandra Elflein, die entfesselt über die Bühne tobt, dem Publikum irrwitzige und dennoch immer melodisch einschmeichelnde Soli um die Ohren haut und mit ihrem unverwechselbaren Mezzosopran Gänsehaut-Balladen der unvergesslichen Sorte kredenzt. Songperlen, die allerdings beim eher auf Party programmierten Publikum in Oberursel nicht annähernd so wirkungsvoll zünden, wie dies Faey in intimen Clubs stets mühelos schaffte und schafft. „Too sophisticated“ wäre der passende angelsächsische Begriff.

VersengoldUmso bodenständiger lassen es die Jungs von Versengold krachen. Die Formation hat ja vor einiger Zeit ihr Line-up und damit auch das musikalische Konzept verändert und tritt mit deutlich vergrößerter Rhythmus-Sektion an. Das sorgt für Kompatibiltät bis zur Radiotauglichkeit und verhilft den Bremern Malte „Snorre“ Hoyer (Gesang), Thomas „Pinto“ Heuer (Bodhrán), Alexander „Hengest“ Willms (Nyckelharpa und Fiedel), Florian „Honza“ Janoske (Violine und Mandoline), Daniel „Paule“ Gregory (Gitarre), Eike „Otje“ Otten (Bass) und Sean „Schorti“ Lang (Schlagzeug) zu gut gefüllten Tour- beziehungsweise Konzertplätzen. Darüber nachzudenken, wie viel Folk und wie viel Rock sich in den knackigen Stücken dieser stadiontauglichen Band mischen, ist an sich müßig, denn Versengold mit neuem Rhythmusmotor (frühe musste Pintos Bodhrán mehr oder weniger alleine für den Groove sorgen) ist schlichtweg ein Act, dessen Songs in Bauch und Tanzbein fahren und sich auch in den Gehörgängen mit Nachdruck verkrallen. Was den sympathischen Nordlichtern mit den Groove-Turbo am Ende nicht weniger als 45 Prozent aller abgegebenen Publikumsstimmen einbrachte.

FeuerschwanzDer Crew um Hauptmann Feuerschwanz alias Peter Henrici muss schon lange keinen Pappkronen oder anderen Preisen mehr hinterherjagen, denn die „Feuerschwänze“ mit Prinz Richard Hodenherz III. als Sänger und Flötist, Johanna von der Vögelweide an der Geige, Hans dem Aufrechten an der Gitarre, Felix Taugenix am Bass und Sir Lanzeflott am Schlagwerk haben sich längst eine treue Fanbase und einen Ruf wie Donnerhall weit über die mittelfränkische Heimatgemeinde Erlangen hinaus erspielt. In Oberursel toppen Jubel und Begeisterung beim Feuerschwanz-Auftritt locker das Versengold-Niveau. Und dass die Franken den Minnestreyt am Ende nicht gewinnen, lässt sich eigentlich nur so erklären, dass ihre Anhängerschar viel zu beschäftigt damit ist, das Repertoire der Band mitzusingen und über ihre schrägen Späße zu lachen, als dass noch Zeit wäre, irgendwelche Wahlzettel auszufüllen. Spätestens wenn der Prinz Mieze Judith aus dem Publikum auf dem Arm hat und sich von ihr einen wohlverdienten Kuss abholt, brechen alle Dämme und der Saal tobt. Dabei könnte glatt überhört werden, dass der Klamauk und die Comedy-Einlagen inzwischen nur noch eine Facette eines größer gewordenen Ganzen darstellen: Feuerschwanz ist dabei, erwachsen zu werden und inhaltlich deutlich dickere Bretter zu bohren. Eine sanfte Evolution, die von den Fans mitgegangen wird.

Warum „Prinz“ Ben Metzner gar so breit grinste? Weil er mit dArtagnan inzwischen ein zweites Projekt am Start hat, dessen Musketier-Rock den Leuten ganz offensichtlich auch großen Spaß macht. Damit empfiehlt sich dieses Trio auch für den nächsten Minnestreyt, der für 2017 schon geplant ist. Und der dann hoffentlich ebenso entspannt und angenehm wie die Erstauflage über die Bühne geht. Das Potenzial zum künftigen Kultfestival ist jedenfalls da.