CD-Review: ‚Freakshow‘ – Harpyie

Zurück zu den Wurzeln: Harpyies „Freakshow“

Déjà vus bleiben nicht aus, wenn man die neue Scheibe Freakshow der Schwermetall-Folkcombo Harpyie auflegt. Die sechsköpfige Band klingt verdächtig nach einer Ikone des Mittelalter-Rock – was definitiv kein Zufall ist.

CD-Review Harpyie FreakshowEin Rückblick in eigener Sache: Es war in einer mondlos dunklen Augustnacht Mitte, Ende der 1990er Jahre, als der Schreiber dieser Zeilen aus Salzburg heimfuhr nach Franken. Das regennasse Asphaltband zog sich ins gefühlt Unendliche, der formatierte Verkehrsfunk sendete wie fast immer in jenen frühen Morgenstunden nur Schrott. Auf dem Rücksitz des japanischen Kleinwagens lag ein Stapel CDs, zum Besprechen mitgenommen und bisher nicht einmal angeschaut. Mit einer Hand nach hinten gelangt, eine Silberscheibe nach vorne geholt und im Auto-CD-Player versenkt. Bumm! Was bitte war das? Eilig nach dem Cover gegriffen und im Halbdunkel die Schrift zu entziffern versucht: „Schrei“. Hm, ja, das passt, genau so klingt das, was da aus den sichtlich überforderten Lautsprechern donnert. Wie der Schrei der gequälten Verdammten. Subway To Wer? Egal. Die Scheibe ist gut, der Fahrer wieder wach und gerade dabei (obwohl er es noch nicht weiß), eine neue Musikrichtung für sich zu entdecken.

Nun lassen sich solche prägenden Initiationserlebnisse zwar nicht wiederholen. Aber zumindest stellt sich ein durchaus sympathischer Déjà-vu-Effekt ein, wenn man erstmals in die neue Freakshow der Folkmetaller von Harpyie hineinhört. Irgendwie klingt der noch presswarme Silberling nach den frühen Jahren der Kult-Combo „Subway To Sally“, nach hemdsärmeliger Ursprünglichkeit, unverfälschter Rockpower, Down-to-Earth-Rotzigkeit. Halt einfach echt, ehrlich und dadurch sehr kraftvoll.
Die Idee, ein ganzes Konzeptalbum einer Schar von deformierten Ungeheuern zu widmen, die sich bei näherem Hinsehen beziehungsweise Hinhören als Archetypen einer dekadenten Gesellschaft entpuppen, denen der Spiegel in mal ironischer, mal aggressiver Manier vorgehalten wird, hat Charme und Witz. Sind die sechs Ostwestfalen doch auf der Monstersuche für ihre brachial durch die Lande rockende Menagerie der Seltsamkeiten auf manches Scheusal gestoßen, das hinter der nächsten Hausecke hockt, an der Supermarktkasse lauert oder hinter dem Schreibtisch im Chefbüro sitzt.
Dass die Freakshow nach gut abgehangenen „Subway To Sally“-Großtaten klingt, kommt übrigens nicht von ungefähr, denn als Produzent zeichnet der langjährige „Subway“-Schlagzeuger Simon Michael Schmitt verantwortlich, dessen Handschrift praktisch in jedem Songporträt der Freakshow deutlich sichtbar wird. Subway-Fans wird es freuen – und wer mit Harpyie bislang noch nicht so viel anfangen konnte, kann diese virtuelle Geisterbahn als Einstiegsdroge benutzen, auf Achterbahnfahrt in der eigenen Phantasie gehen – und für sich musikalisches Neuland entdecken. Und plötzlich ist jene dunkle Nacht in den Nineties wieder ganz nah…
-HANS VON DRAMINSKI

Trackliste:
01. Freakshow
02. Monster
03. Elisa
04. Dunkle Wissenschaft
05. Fauler Zauber
06. Tanz Auf Meinem Grab
07. Karneval Der Kreaturen
08. Lebendig Begraben
09. Der Schwarze Mann
10. Wilde Reise Durch Die Nacht
11. Goblin
12. Das Zweigesicht
13. Wahnsinn

Die Freakshow ist ab dem 18. September 2015 im Handel erhältlich.