CD-Review: ‚Evolution‘ – Errorhead

Bemerkenswertes neues Album „Evolution“

Es soll ja Bands geben, die sich von Album zu Album neu erfinden. Dies mag manchmal der Dokumentation des künstlerischen Reifeprozesses dienen, manchmal ist es Dokument bandinterner Umbauten – und meistens kostet es Stammhörer, die „ihre“ Gruppe so hören wollen wie sie es gewohnt sind. Da erscheint die Strategie sinnvoll, sich in kleinen Schritten vorwärts zu bewegen, den Radius behutsam und geplant zu erweitern. Wie es die Band Errorhead um den Gitarristen Marcus Deml mit ihrer neuen Scheibe Evolution (Lighthouse Records) getan hat.

CD-Review Errorhead Evolution
Eines vorab: Das bei Errorhead in der Regel grandiose Life-Erlebnis kann auch dieser sauber und knackig produzierte Silberling nicht ersetzen. Wer Errorhead bei den Rother Bluestagen oder dem Fürther New Orleans Festival auf der Bühne gesehen hat, weiß aber auch, dass man die hochenergetische, vor Einfällen nur so sprühende Performance dieser Band nur mit Mühe auf einen Tonträger packen kann. Evolution fängt immerhin mit einem wunderbar dreckig klingenden „What“-Schrei und der doppeldeutig betitelten Nummer People Like Us an – Powerplay mit dem Potenzial, den Lautstärke-Regler ruckartig nach rechts zu drehen. Ja, die Leute mögen Errorhead. Und ja, sie sind Menschen wie Du und ich geblieben.

Deshalb wird auch das fünfte Errorhead-Studioalbum Evolution kaum dafür sorgen, dass eingefleischte Fans der Gruppe vom Glauben abfallen. Der Sängerwechsel von Andrew Graser auf Karsten Stiers hat der Band gewiss nicht geschadet, mit Frank Itt am Bass und Zacky Tsoukas an der Schießbude bleibt die musikalische Kontinuität sowieso gewahrt. Lebt Errorhead doch auch im Jahr 2014 von spektakulären Gitarrensoli und druckvollen Grooves.

Der Horizont hat sich bei Evolution dennoch erweitert. Hier finden sich nicht nur die üblichen und für die Band typischen Abgeh-Songs, sondern auch Stücke, die mit ihrem poppigen Tonfall sogar ins Formatradio passen würden. Die Nummer Hideaway ist einer dieser Soundtrack-Songs für das Kopfkino auf langen, einsamen Autofahrten.

Bei One Good Reason wird dem Rock-Affen Zucker gegeben, Tell Me ist die obligatorische Gänsehaut-Ballade, über die sich auch Bluesrock- und Jazzfans freuen. Das Instrumental Resurrection mit elegischem E-Gitarren-Sound erinnert an die Breitwand-Rockepoche der 1970er Jahre. Thieves And Poets ist die ironische Abrechnung mit dem Unwesen der sozialen Netzwerke und zitiert intelligent den unverwüstlichen „Joker“ der Steve Miller Band.

Die Frage Where Did Our Love Go wird mit einem jener gnadenlos groovenden, tanzbaren Songs beantwortet, die bei Errorhead so etwas wie das Markenzeichen sind. Entspannt und mit dem unverwechselbaren Deml-Gitarrenton wird ein Purple Lord beschworen, wobei die Verbeugung vor Jon Lord, Ritchie Blackmore und Co. niemals nach epigonaler Kopie klingt – das hat Errorhead auch nicht nötig.

Die Aufforderung Be Someone klingt nach kalter Betonwüste, nach urbaner Aggression und nach Auflehnung gegen das Schicksal, ein weiteres Rädchen im großen Getriebe zu sein. Einen Hauch von „Led Zeppelin“ und virtuoser Selbstbespiegelung verströmt Find It. Get Off My Back könnte auch aus der Songschmiede des kleinen Funk-Prinzen aus Minneapolis kommen, ist exaltiert, glitzernd mondän und angenehm retro.

Am Ende steht eine ganz ruhige, ganz entspannte Meditation: The Mighty Tube ist nicht nur eine Verbeugung vor dem warmen Schmuseklang der verwendeten Gitarren-Röhrenverstärker, sondern vor allem Dokument für die Melodieverliebtheit eines Quartetts, das auf „Evolution“ ganz zu sich gefunden hat. Besser ist diese Band wirklich nur live.

Trackliste:
01. Scream People like us
02. Hideaway
03. One Good Reasion
04. Tell Me
05. Resurrection
06. Thieves & Poets (The Social Network Song)
07. Where Did Our Love Go?
08. Purple Lord
09. Someone
10. Find It
11. Get Off My Back
12. The Mighty Tube